Tum Suden – Eine Geschichte

Tum Suden – Eine Geschichte

Es muss etwa zu Beginn des 21. Jahrhunderts gewesen sein, damals hatte ich bereits einige Jahre mein Kompositionsstudium abgeschlossen, war seitdem als Klavier- und Theorielehrer tätig und spielte inzwischen 13 Jahre lang in einer erfolgreichen Top-40 Band, als eine Radiosendung auf dem hervorragendem Sender Bremen 2, den es leider nicht mehr gibt, ausgestrahlt wurde, die einige Veränderungen in meinem Leben bewirken sollte.

Drehleiermusik aus dem französischen Massif Central war das Thema, die Sendung selber wurde immer wieder aufgelockert durch Stücke der gerade erst erschienenen Debut-CD von „Aligot Elements„, von der mich besonders der näselnde Ton von Sylie Mathés Drehleier faszinierte, so dass ich nach der Sendung wusste: Ich möchte Drehleier spielen!

Die CD zu bekommen war nicht einfach, aber ein paar Recherchen im Internet brachten nicht nur Diatonie zum Vorschein, sondern auch wenig später die Verkaufsanzeige für eine „Pico“ von Wolfgang Weichselbaumer. Diese bekam ich nur einen Monat vor meinem ersten Anfängerkurs auf Burg Fürsteneck, also im Dezember. Leider sollte sich dort herausstellen, dass sie ein wenig defekt war, aber woher sollte ich auch wissen, dass die Kurbel einer Drehleier sich niemals so schwer drehen lassen sollte.

In der nächsten Zeit war nicht nur üben angesagt (die blöde Schnarre hat sicher nicht nur mich zur Verzweiflung getrieben), sondern auch mein Musikgeschmack begann sich zu verändern. Waren es aufgrund der Drehleierkurse zunächst französische Tänze oder CDs von „Loreena McKennit„, so brachte die Musik von „Gjallarhorn“ eine weitere Wende. Später kamen dann auch CDs von „Hedningarna“ und „Garmarna“ dazu und da die skandinavische und die norddeutsche traditionelle Musik alles andere als weit voneinander entfernt sind, was man sehr leicht der Geschichte der Hanse entnehmen kann, gibt es auch Ähnlichkeiten zwischen der Musik dieser Bands und „Tum Suden“.

Inzwischen hatte ich mir bereits eine Frage gestellt, aus deren Antwort dann später „Tum Suden“ entstand: Haben wir hier in Norddeutschland eigentlich traditionelle Musik?

Ich meine, schauen wir mal nach Irland, Frankreich, Skandinavien oder meinetwegen sogar nach Bayern, überall gibt es traditionelle Musik, die zum Teil mit modernen Mitteln aufgearbeitet wird. Im Fall von Österreich zum Beispiel durch Zabine.

Fragt man hier in Norddeutschland jemanden nach traditioneller Musik, wird man kaum Antworten bekommen, im schlimmsten Fall: Shanty, und der ist alles andere als traditionell. Gerade mal etwas mehr als hundert Jahre alt ist er und ganz bestimmt eines nicht, nämlich norddeutsch.

Also fing ich an zu forschen, was im Falle norddeutscher traditioneller Musik kein einfaches Unterfangen ist. Es war zwar schnell klar, dass die Sprache Niederdeutsch sein würde, also der Vorgänger des Neuniederdeutsch, dass heute allgemein als Plattdeutsch bekannt ist, aber genauso schnell wurde auch klar, dass wir Norddeutschen es nie so mit dem Aufschreiben hatten. Mündliche Überlieferung ja, aber schreiben?

Am meisten hat mir Helmut Glagla geholfen. Der hat nämlich 1980 „Das plattdeutsche Liederbuch“ geschrieben. Das Schöne daran: Das Buch besteht nicht nur aus (nach ihrer Entstehungszeit) geordneten Liedern, sondern ist aufgefüllt mit Bemerkungen zur ihrer Geschichte. Es hat auch ein Kapitel über die Geschichte der niederdeutschen Sprache, und viele der alten niederdeutschen Wörter, die uns heute völlig unbekannt sind, wurden übersetzt.

Und so begann ich im Jahre 2003 „Brautfahrt über die See“ zu vertonen. Ich hatte zwar schon eine ungefähre Besetzung im Kopf, aber ganz klar war sie noch nicht.

Ich hatte inzwischen, nach 15 Jahren, dem Bühnenleben als Top-40 Keyboarder den Rücken zugekehrt und wusste, dass mein neues Projekt, mit Ausnahme des Basses, rein akustisch sein sollte. Immerhin konnte man sich so nett irgendwo in der Stube treffen und die Stücke üben. Heute weiß ich natürlich, dass das völlig illusorisch war, denn sobald ein Percussionist auch nur ganz vorsichtig seine Djembe streichelt, müssen sich alle anderen sofort an Verstärker anschließen, um überhaupt noch gehört zu werden. Das allerdings ist überhaupt kein Problem mit meiner „Alto„, die ich in den Osterferien bei einer Reise nach Wien bestellte und die Wolfgang mir nur wenige Monate später, als er gerade Ebenholz in Hamburg kaufte, überreichen konnte.

Gina als Hauptsängerin, das war mir von Anfang an klar und auch bei vielen der anderen Instrumente brauchte ich nicht lange zu suchen. Ich hatte mithilfe von Logic, mit dem (oder seinen Vorgängern) ich seit Ende der 80er arbeite, inzwischen Aufnahmen mit Gina als Sängerin aller drei Gesangsstimmen gemacht und immer, wenn ich einem bekannten Musiker die Idee vorstellte und die Aufnahmen vorspielte, wurde die Band um ein Mitglied größer. Nur mit den Percussionisten war das nicht so einfach, denn die gibt es rund um Bremerhaven eigentlich gar nicht.

Eines Nachts machte ich einen Spaziergang durch die Innenstadt von Bremen. Das passiert eher selten, denn Bremen liegt hier nicht gleich um die Ecke. Ich kam an einem Laden für allerlei Perkussionsinstrumente vorbei, auf dessen Fensterscheibe in großen Buchstaben „www.sabar.com“ stand. Nach einer E-Mail meldete sich ein Mitarbeiter, der sich sehr für mein Projekt interessierte. Thomas wusste allerdings nicht genau, was er sagte, als er verkündete, die Percussions allein zu spielen. Schon nach wenigen Proben brachte er dann Gabriel mit, denn die Stücke sind ganz einfach für zwei Percussionisten geschrieben, denn normalerweise hat ein Mensch eben nur zwei Hände und zwei Füße.

Die Anfangsbesetzung hielt eine ganze Zeit, aber irgendwann gab es dann doch Wechsel bei den drei Sängerinnen und beim Bass. Verständliche, familiäre Gründe ließen aber nur für kurze Zeit Löcher in der Besetzung entstehen, denn Ersatz konnte zum Glück schnell gefunden werden.

Der erste Auftritt im Jahre 2006 war ein voller Erfolg. Wir mussten allerdings mit zwei Bands am Abend des 25. Mais auftreten, da unser Programm bis dahin gerade eben eine Stunde lang war.

Guido tum Suden